/ CIO News
„Vernetzung ist die Zukunft“
Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, hielt das Eröffnungsstatement bei der Permedicon 2018. Foto: Permedicon
Podiumsdiskussion: Molekulare Diagnostik – Wer kann es am Besten? Moderator: Prof. Dr. Jürgen Wolf (Mitte), Referenten (vlnr): Dr. Stefan Frings (Roche Pharma), PD Dr. Hans-Christian Kolberg (Marienhospital Bottrop), Prof. Dr. Stephan Schmitz (Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO), Bärbel Söhlke (Patientin), Dr. Barbara Zimmer (Kompetenz-Centrum Onkologie + Medizinischer Dienst der Kassen), Resümee: Marc Van den Bulcke (The Scientific Institute of Public Health, WIV-ISP), Foto: Permedicon
Prof. Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln und Kongresspräsidentin der Permedicon 2018. Foto: Permedicon.
Podiumsdiskussion: Wie kann wissensgenerierende Medizin im Zeitalter der Genomik gelingen? Moderator: Prof. Dr. Michael Hallek (Mitte), Referenten (vlnr): Dr. Johannes Bruns (Deutsche Krebsgesellschaft), Prof. Dr. Stephan Schmitz (Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland, BNHO), Prof. Dr. Angelika Eggert (Charité Berlin), Gerd Nettekoven (Deutsche Krebshilfe), Dr. Ursula Marschall (BARMER), Prof. Dr. André Scherag (Klinische Epidemiologie, CSCC, Universitätsklinikum Jena). Foto: Permedicon
In den Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops wurde deutlich, dass es über die Erfolge der Personalisierten Medizin mittlerweile weitgehend Konsens gibt. Auch die Implementierung in das Gesundheitswesen hat begonnen und zwar über die zertifizierten Krebszentren - und hier an vorderster Stelle die universitären Onkologischen Spitzenzentren - aber auch über die Bildung neuer, sektorenübergreifender Netzwerke wie das nationale „Netzwerk Genomische Medizin“ oder das „Deutsche Konsortium Brust- und Eierstockkrebs“. Dass die Zukunft der Krebsmedizin in der Vernetzung liegt, war auch die Einschätzung der Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Isabel Pfeiffer-Poensgen. Sie hob in ihrem Eröffnungsstatement außerdem hervor, dass die intensive Netzwerkbildung, die gerade in und aus NRW heraus stattfindet, ein Zeichen für die große Forschungsstärke des Landes sei. Veränderungen an den Schnittstellen der Medizin seien außerdem auf das Engagement der Wissenschaft angewiesen.
Der Schwerpunkt des Kongresses lag 2018 auf dem Thema Gendiagnostik, denn das persönliche Genprofil ist bei vielen Krebserkrankungen der Schlüssel zur Entscheidung für oder gegen personalisierte Therapien beziehungsweise gezielte Präventionsmaßnahmen.
Das Thema der ersten Podiumsdiskussion „Molekulare Diagnostik ̶ wer kann es am besten?“ unter der Leitung von Kongresspräsidenten Prof. Dr. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des CIO Köln, beleuchtete die Situation, dass die molekulare Diagnostik heute nicht als Leistung der Regelversorgung abrechenbar ist, sondern kostendeckend „nur“ über Selektivverträge mit den einzelnen Krankenkassen.
Auch private Anbieter, bei denen Patienten direkt und auf eigene Kosten Genanalysen bestellen können, drängen deshalb zunehmend auf den Markt. Die Runde war sich einig, dass dies zu einer „ungesteuerten Leistungserbringung“, einem „Wildwuchs“ bis hin zu einer „klassischen Fehlversorgung“ führe. Denn viele Patienten, die eine Gendiagnostik bräuchten, würden zu wenig getestet, dafür andere, die keine Indikation aufweisen, zu häufig. Hier wurde auch der Wunsch nach Vorgaben vom Gesetzgeber geäußert, der festlegt, welcher Patient wo und wofür Testungen erhalten soll. Einig war sich die Runde in der Einschätzung, dass die komplexe Diagnostik inklusive Therapieempfehlungen in den Händen forschungsnaher, unabhängiger Institutionen wie den Universitätskliniken liegen sollte. Dort könne zum einen eine transparente Qualitätssicherung gewährleistet werden, eine begleitende Evaluationen über den Therapieverlauf erfolgen sowie eine intelligente Sammlung sowie Bereitstellung der Daten für öffentliche Forschungsprojekte.
Mitdiskutantin und Patientin Bärbel Söhlke, die die Therapien vieler Krebspatienten verfolgt hat, schlug dann die Brücke zur Podiumsdiskussion am Nachmittag mit ihrer Aussage: „Die Länge des Überlebens von Krebspatienten steht heute in direktem Zusammenhang mit ihrem Wissensstand“!
„Wie werden Ärzte und Patienten fit für die genomische Medizin?“ war entsprechend die Fragestellung der zweiten Diskussionsrunde unter der Führung von Kongresspräsidentin Prof. Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln.
Hier führten einige provokante Fakten zu mangelhaft geführten Aufklärungsgesprächen oder zu der geringen Bereitschaft deutscher Ärzten, sich über die meist englischsprachigen Fachmedien weiterbilden zu wollen, zu regen Diskussionen. Einigkeit herrschte aber bei der Einschätzung, dass es sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten ein sehr heterogenes Bild zum Wissen und zum Interesse an dem Thema Personalisierte Medizin gibt. Die vielen und oft widersprüchlichen Informationen, die die Patienten über Internet oder Medien wahrnehmen, führten bei vielen zudem zu einer starken Verunsicherung und der Frage, ob sie von ihrem Arzt wirklich die richtige und beste Therapie erhalten. Die große begriffliche Vielfalt - „genomisch, stratifiziert, personalisiert oder präzisiert“ - sei dabei ebenfalls nicht hilfreich. Moniert wurde von der Runde auch, dass die Informationen und Empfehlungen, die aus einem Forschungsprojekt resultieren, häufig nicht arzt- und patientengerecht aufbereitet werden. Dies sollte eigentlich ein selbstverständlicher Bestandteil jedes Forschungsprojektes sein - aber auch die Fachgesellschaften sollten sich an dieser Stelle mehr engagieren. Große Erwartungen gibt es deshalb an den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung, der den Aufbau eines allgemeinen Gesundheitsportals im Internet vorsieht. Dort sollen künftig gesicherte und verständliche Informationen für Patienten bereitgestellt und so die Gesundheitskompetenz bei den Patienten gestärkt werden. Insgesamt sah die Runde das Angebot für die Patienten auf einem guten Weg, „die vergessene Zielgruppe“ seien eher die Ärzte, für die es noch keine Strategien gibt, wie diese komplexe Thematik in die Aus- und Weiterbildung eingeflochten wird.
Am Nachmittag des zweiten Tages stellte CIO-Direktor Prof. Dr. Michael Hallek seiner prominenten Runde dann die Frage: „Wie kann wissensgenerierende Medizin im Zeitalter der Genomik gelingen?“ Dabei wurde zunächst konstatiert, dass die Onkologie aufgrund ihrer generellen Bedeutung ̶ jeder zweite Mensch in Deutschland wird statistisch an Krebs erkranken ̶ eine Vorreiter-Rolle in Deutschland zukommt. Dazu trägt auch die, dank Deutscher Krebsgesellschaft und Deutscher Krebshilfe, flächendeckend gut organisierte Zentrenstruktur sowie die große Forschungsdynamik in der Onkologie bei. Vorbildlich sei auch der hohe Organisationsgrad von Interdisziplinarität in der Onkologie, z.B. über die Tumorboards, der bei anderen Erkrankungen noch lange nicht erreicht wird. Trotz aller Erfolge wünschten sich alle Teilnehmer aber mehr Schnelligkeit im System. In der Realität bräuchten Innovationen, und sei es nur ein Selektivvertrag, mindestens ein Jahr bis zur Unterschrift - und dafür müssten alle Mitwirkenden schon hoch motiviert sein. Prof. Hallek empfindet angesichts dieser Trägheit eine „gewisse Grundverzweiflung“, sieht aber auch Leuchttürme wie die Kinderonkologie, die dank sehr guter Dokumentationsleistung bereits wissensgenerierend arbeiten kann. Übertragen auf die großen Fallzahlen der Erwachsenenonkologie waren sich alle einig, dass Wissenszuwachs hier nur entstehen kann, wenn die verschiedenen Dokumentationssysteme konzertiert und systematisch vernetzt werden - vereinzelte Projektförderungen seien hier wenig hilfreich.
In ihrem Fazit stimmten alle Protagonisten darin überein, dass sich die PerMediCon zu einem neuen und erfolgreichen Modell des Medizinkongresses entwickelt hat, mit dem es gelingt, die wichtigen Player im Gesundheitssystem sektorenübergreifend zusammen zu bringen und daraus neue gute Ideen und Initiativen für das Gesundheitssystem zu entwickeln.
Weitere Informationen: www.permedicon.de




